Die Hoffnung überstrahlt den Leidensweg

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Oratorium Joseph Haydns „Sieben letzte Worte“ in einer bewegenden Aufführung in der Sonthofer Kirche Sankt Michael.

Im deutschsprachigen Raum wird die „Semana Santa“, die „Heilige Woche“ oft durch den Begriff „Karwoche“ ersetzt. Die wichtigsten Tage in der Liturgie der katholischen Kirche werden dadurch auf das Leiden und den Tod des Jesus von Nazareth gelenkt. Doch diese durch die Evangelien überlieferten Ereignisse sind nur eine Seite der Geschichte, die mit einer frohen Botschaft endet: der Auferstehung Jesu, der Überwindung des Todes. Von dieser frohen Botschaft her erzählt Joseph Haydn die Passionsgeschichte, konzentriert auf den Moment, an dem Jesus an seinem Hinrichtungsinstrument leidet und stirbt. Und diese Perspektive arbeitet Dirigent Heinrich Liebherr bei seiner Aufführung des Oratoriums „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ in der Sonthofer Kirche Sankt Michael eindrucksvoll heraus: Das Licht der Hoffnung überstrahlt den Leidensweg. Heinrich Liebherr stützt sich dabei auf jene zwei verlässlichen Ensembles, die er schon seit Jahrzehnten leitet: den Sonthofer Sankt-Michael-Chor und die Orchestervereinigung Oberallgäuer. Vor allem der Chor ist in diesem Oratorium stark‘ gefordert. Er hat die „sieben letzten Worte“, eigentlich die‘ sieben letzten von den Evangelien überlieferten Sätze Jesu, nicht nur lupenrein im A-cappella-Stil vorzutragen sondern danach deren Bedeutung auch noch musikalisch kunst- und fantasievoll auszudeuten. Das heißt konkret: Er singt eigentlich fast pausenlos während des gesamten Oratoriums. Diese Aufgabe ‚meistert das Ensemble beeindruckend souverän. Es arbeitet wunderbar, den melodiösen Reichtum dieser Partitur heraus, die schlichte klassische Schönheit und die bewegende Tiefe dieser Musik. Sie schlägt im Leben des Komponisten Joseph Haydn um 1795 ein neues Kapitel auf: das der bedeutenden sakralen Spätwerke. „Die Schöpfung“, „Die Jahreszeiten“ und die großen Messen werden unmittelbar danach folgen. Das Solistenquartett mit den bewährten Kräften Brigitte und Bernd Neve, Sopran und Tenor, sowie Gabi Nast-Kolb, Alt, und Michael Hanel, Bass, steht dabei in der Mitte des Chores, bildet gleichsam dessen Stütze und dringt doch über das große, davor sitzende Orchester. So mischen sich nicht nur die Stimmen der Solisten schön miteinander und mit dem Chor, sondern können auch bei innigen Solostellen bewegende Momente gestalten, etwa den mit kindlicher Zuversicht vorgetragenen Glauben an das Paradies, das Jesus dem reuigen Sünder verspricht. Heinrich Liebherr setzt freilich auch das Orchester gediegen in Szene, lässt es vor allem die instrumentalen ‚Einleitungen zu den beiden Teilen des Oratoriums – je nach Vermögen der Musiker, unter denen auch Laien sitzen,- plastisch ausformulieren – und natürlich den in dieser Aufführung rein instrumental gehaltenen Schlusssatz, das „Erdbeben“. Es lässt nach Jesu Tod die Welt in ihren Grundfesten erzittern. Dieser dramatische Schluss, pointiert musiziert, zeigt noch einmal eindringlich, was dieses Orchester alles zu leisten vermag. Viel Beifall am Ende von den etwa 300 Zuhörern, die einen ebenso gedankenreichen wie emotionalen Beginn der „Heiligen Woche“ erlebt haben.

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